Verse und andere Gereimtheiten

Kategorie: Betrachtung

Gottes Werk

Dort, wo sich der Mensch zum Warten gedrängt findet, sieht er sich – oft mehr als es ihm ziemte – dazu veranlasst, die rechte Fügung der Welt in Zweifel zu ziehen. Dabei sollte er, schicklicheren Erwägungen folgend, besser davon absehen, öffentliche Räume aufzusuchen, deren betriebsgemäßer Zustand der der Überfüllung ist; Orte also, an denen die erschöpfende Versorgung aller mit Gütern des geneigten Bedarfs für ungesichert gelten muss.

Wo Knappheit herrscht ist das Herzeigen von Gesittung Luxus und ganz sicher von Nachteil für denjenigen, der ihn sich leistet. Dies gilt umso mehr, wo der Durstige einen von zahlreichem Volk umlagerten Tresen vorfindet. Gleich der Stürmung einer Festung sieht er mehrere Angriffswellen an die Mauer heranwogen und es ist nicht vorherzusagen, an welcher Stelle der Durchbruch gelingen wird.

Dinge etwa dieser Art gingen dem besorgten weil durstigen Betrachter durch den Kopf, während er sich von den hinteren, vorwärtsdrängenden Reihen langsam in Richtung Tresen schieben ließ in der beständigen Hoffnung, eine Ecke der Theke zu erobern, geeignet, sich mit dem Wirt ins Verständnis zu setzen.

Auf jenen Posten hatte es jedoch bereits eine Dame mit erwiesenen Vorzügen abgesehen, welche in der Folge mit frappierend unweiblicher Grobheit ihr Vorwärtskommen unter Gebrauch beider Ellbogen zu beschleunigen wusste. Endlich kam sie mithilfe wohlplatzierter Ruppigkeiten zwischen Tresen und Betrachter zum Stehen. Der Wirt erfasste ohne Säumnis ihre erwiesenen Vorzüge mitsamt ihrem Bestellwunsch. Der ob dieser Dreistigkeit zunächst in Staunen versetzte Betrachter entschloss sich schließlich, die über alle Maßen zielstrebige Delinquentin mit ein paar Heineversen heiter zu belehren:

»Gott versah uns mit zwei Händen,
Dass wir doppelt Gutes spenden,
Nicht, um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen.«

Da hielt sie längst ihr frisch Gezapftes in Händen und unterbrach den Vortragenden mit dem überschwenglichen Freimut der Siegerin: »Gott versah uns mit zwei Brüsten«. Triumphestrunken floh sie samt Bier die wogende Menge. Die am Tresen entstandene Lücke schloss sich rasch und ließ den so schnöd Hintangestellten nachdenklich zurück.

»Unverschämt«, befand ein späterhin zugesellter Freund, welcher den geschilderten Ereignissen in steigender Erregtheit gefolgt war. »Immerhin hat das Metrum gestimmt« beschwichtigte der Betroffene, der zunehmend über seinem Bier genas, und fügte, auf das inzwischen leere Glas des noch immer fassungslosen Freundes deutend, hinzu: »Bring mir bitte eins mit!«

Reale Größe

In Kneipen, heißt es, sickert auch schon mal der Fortschritt ins Bewusstsein. Eine bewährte Einkehr in Reichweite meiner Wohnung bewirbt ihr tresenreines Angebot jetzt auf Tafeln mit der Aufschrift:

»Ostalgie zu Westpreisen«

Neunzehnhundertneunundachtzig wollte man hier noch Westprodukte zu Ostpreisen.

Der betrunkene Vers

Das Verhängnis des Schüttelreims ist, dass er keinen Platz hat. In zwei Zeilen mit je vier Hebungen lässt sich selten gerecht sein, die Form muss hier ganz einfach nach dem Inhalt grabschen. Den Autor trifft dabei keine Schuld. Es ist der Vers, der getrunken hat:

So schenk, nach kurzem Plänkeln, Schatz,
Mir zwischen deinen Schenkeln Platz!

Staub

Ins Nichts hinein zielt alles eitel Streben,
Worin der Ruhm noch vor die Tat sich träumt,
Ans Nichts verliert sich endlich auch dein Leben,
Dem jetzt der Saft der Reben überschäumt,
Wenn wir uns durch Momente nur entheben
Dem Staub, der allen Glanz beharrlich säumt,
In den hinab schon goldene Becher sanken,
Aus denen Könige einst herrlich tranken.

 

Es gibt Gedichte, die schreibt man und mag sie nicht und dennoch will man sie geschrieben haben. Vorliegendes ist so eines. Vergänglichkeit ist einfach zu denken und hübsch zu machen und mit ein wenig Dekadenz serviert auch nicht zu schaudervoll. Darüber ist das Blöde am Nichts, dass einem noch immer was dazu einfällt. Dennoch möchte man Menschen, die mit solchen Verse aufwarten nicht auf seiner Party haben. Immerhin: Die Sachsen können jetzt die Stanze.

Logik

Immer weniger Leute haben alles. Irgendwann hat niemand mehr etwas.

Das Warten auf den Fortschritt

Der fortschrittlich denkende Mensch stellt sich die Frage, wie er den Kapitalismus ins Ziel kriegt, auf dass er dort tot zusammenbreche. Wenn die Reaktion auf die Krise aber wieder einmal nur die Reaktion ist, dann muss er dabei zusehen, wie der Kapitalismus die nächste Strafrunde dreht. Und er grübelt darüber, ob es denn zu viel verlangt sei, ein wenig mehr Entgegenkommen erwarten zu dürfen.

Haus ohne Hüter

Aus der kommoden Haltung heraus, die man bei der Betrachtung des Harmlosen, beispielsweise der eines Kauzes, einzunehmen pflegt, klopft man einer Person, die heute noch mit einem vollständigen Satz zu überraschen vermag, stolz mitfühlend auf die Schulter und lacht:

»Sie haben doch bestimmt Germanistik studiert!«

Kultur, scheint es, muss man nicht begreifen, man muss sie nur besitzen. So sind nicht selten diejenigen die ritterlichsten Verfechter der heimischen Kultur, die sie nicht einmal anzuwenden imstande wären. Hinreicht den meisten zu wissen, aus dem Land der Dichter und Denker zu stammen. Dennoch hätte es nichts Ehrenrühriges an sich, die Pflege kultureller Gehege ausgebildeten Fachleuten überantworten zu wollen, wäre die Anfrage nur nicht falsch adressiert. Denn Germanisten, Peter Hacks hat seit den Siebzigern des letzten Jahrhunderts schon verschiedentlich darauf hingewiesen, sind eher zu Kuriositätensammlern bestimmt denn zu Gralshütern. Sie kümmern sich, im trefflichsten Fall, um den Inhalt von Goethes Mülltonne, niemals um dessen Wirken. Die Sprache ist einfach nicht das Metier dieser Zeitgenossen. Die höchste Genusshaltung auch, zu der sie fähig sind, ist das bekiffte Beklatschen des Narren aus Georg Büchners »Leonce und Lena«. So jemand stolpert über keinen Satz, schon gar nicht über den eigenen.

Wenn Sie also mal wieder einen gescheit gebauten Satz hören, fragen Sie den glücklichen Urheber doch höflich:

»Weshalb nur haben Sie nicht Germanistik studiert?«

 

Camper

Es gibt zwei Sorten Künstler: Die einen bauen sich ihre Hütte – so nah wie möglich am Palast – die meisten aber schleichen mit dem Zelt auf dem Rücken durchs Land. Denn nur Wenige haben das Rückgrat, in der Hütte zu verhungern.

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