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Verse und andere Gereimtheiten

Kategorie: Betrachtung (Seite 1 von 4)

Rilke im Vorzimmer

Albern und der Welt ein Ärger,
Dünkt mich, wäre ausgerechnet
Einen Künstler nicht zu hängen,
Bloß weil er nicht schuldig ist.

(Peter Hacks, Mnester)

Unser Urteil über Gegenstände, auf die wir treffen, setzt sich zusammen aus den Urteilen, die andere bereits über sie gefällt haben. Wir scheuen den Aufwand der Bekanntschaft, mühen uns dennoch heran, endlich mopst uns eine Zeile, die uns wieder für lange Zeit Abstand nehmen lässt. Rainer Maria Rilke hat im Angebot: »Du musst das Leben nicht verstehen«.

Schon wird einer im Vorzimmer platziert, ohne vorgelassen zu werden. Zu Unrecht? Der Sinn von Vorauslese liegt darin, dass nicht jeder jede Erfahrung stets als erster machen sollte, dann nämlich hätte der Geist vor lauter Selbstfindungsdruck keine Zeit, sich zu entäußern. Wir werden uns schon aus Zeitgründen auf den Geschmack unserer Gewährsleute verlassen müssen, darauf, dass das kollektive Selbstbewusstsein in permanenter Ausmittlung durch diese bewährten Siebe endlich zu uns dringt. Ich gebe gleich zu: Rilke ist nicht sonderlich gut beleumundet bei meinen Leuten. Aber so, wie man vorm Schlafengehen kontrolliert, ob man den Wecker gestellt hat, schaut man hin und wieder noch einmal nach (wie immer wird man es bereut haben, seinen Leuten nicht getraut zu haben).

Zunächst ist Rilke vorzuwerfen, was jedem Lyriker vorzuwerfen ist, nämlich dass er aufgrund seines Gemüts zum Lyriker herabgedrückt sei. Diese Gattung ist allein durch ihre Subjektivität eine mindere. Weshalb darin wiederum romantische Themen wie Natürliches und Übernatürliches statthaben dürfen oder andere, die stärker über das wahrnehmende Subjekt vermittelt werden als über den Inhalt (hier glänzt Rilke wie kaum ein zweiter, seine Gedichte, will ich sagen, tun keineswegs falsch daran, wenn sie mehr Gemüt enthalten als Welt; der eigentliche, wenngleich edlere, Irrtum läge darin, zu viel Welt ins Gedicht hineinstopfen zu wollen).

Sprachlich ist an Rilke nichts auszusetzen. Das geht nicht besser zu machen, wirkt gediegen, nie strapaziert oder bildlich zu forciert und immer meisterlich in Vers gesetzt:

DER PANTHER

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Aber die Idee einer Welt enthält es endlich doch. Der Panther, das meint nichts anderes als Nietzsches blonde Bestie. Heraufbeschwört sich das dekadent erregte Gefühl zum Imperialismus. Die eingesperrte Natur, deren Kräfte (sagen gleichfalls unsere libertären Nietzscheaner von heute) da freigelassen werden müssen, wo sich in der Welt nichts mehr zum Besseren bewegen lässt; wo Geschichte sich erst wieder frei machen muss, von jeglicher Last nämlich, den Schwachen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Nietzsches Geist bequemt sich als die Hoffnung, dass sich ein Plan zeigen wird, nachdem der Rauch verflogen ist, den man herbeigebombt hat. Das passt zu einer Zeit, in der man die Probleme, die man häuft, den Menschen nicht verzeiht, die sie dann haben. Kinder, für die man keine Kekse hat, nerven. Wer hat heute noch Nerven? Sicher, Bomben hat man.

Ich fürchte, Rilke zählt mit seiner entnervten Überempfindlichkeit zu denen, die sich das Pläne schmieden aufsparen bis zu der Zeit, wo der große Knall alle Bäume entlaubt haben wird, wenn er beispielsweise »Gehorsam gegenüber einem autoritären Diktat« einfordert, das uns Untertanen »einfach aufträgt, unsere Gefühle, unsere Ideen und das gesamte Aufwallen unseres Wesens einer höheren Ordnung zu unterstellen, die uns solchergestalt übermächtigt, dass wir sie nie werden begreifen können«. Das schrieb er 1926 in einem Brief, worin er seine Bewunderung für den Duce ausdrückte. Rilke, steht dort, will die Bestie freilassen.

Warum aber nehmen wir weder Thomas Mann noch George Bernhard Shaw deren wohlmeinende Nietzsche-Rezeption in eben der Weise übel? Ein Pickel ist schließlich ein Pickel. Aber sie haben Glück: Irgendetwas verunmöglicht es ihnen, blind in den Gegenstand reinzulaufen. Nämlich sie haben keine Gedichte geschrieben, sondern Dramen und Romane, durch welche sie qua Gattungseigenschaft zur ganzheitlichen Betrachtung des Gegenstandes gezwungen werden. Und so überwinden sie die Einseitigkeit ihres eigenen Standpunkts in der Totalität des Kunstwerks. Der Pickel guckt sich weg. Das Gedicht schafft diese Totalität nicht, und so bleibt der Geist Rilkes stecken in dieser kleinen Flasche und kommt (zu seinem Glück) selten raus. Und käme er raus, verkümmerte er, wie in seinen Romanen: Du musst das Leben nicht verstehen. Ein Künstler darf im Leben alles sein, ein Arschloch, ein Nazi, vielleicht sogar ein Hippie; die einzigen Maßstäbe, die ihm zu gelten haben, sind die an seiner Kunst. Rilkes Gedichte jedenfalls, sind Kunst.

Wiederum: Eine rückschrittliche Weltanschauung hat noch kein Kunstwerk besser gemacht. Dass Kunst ohne Haltung geht, zeigen Rilke, zeigen andere. Es gibt auch keinen Grund, das nicht zu genießen, was vergiftet ist. Die gesunden Schmutzaufwirbler canceln immer aus den falschen Gründen, sie sehen vor lauter Gift die Schönheit nicht mehr. Doch Schmutz schadet nicht der Anmut des Werks, nur der Würde des Künstlers, manchmal ist er daran nicht ganz unschuldig. Was wir wissen können: Schneewittchen hat nicht lange Freude an der köstlichen Frucht. Die Bestie gehört eingesperrt.

Point Of No Return

Es gibt Schuld, die ist so groß, man müsste darüber zum Märtyrer werden, sie zu tilgen. Aber wer mag schon Märtyrer?

Geleit zum Fest

An ein Planschbecken baut man keinen Sprungturm.

Ladenhüter

Wie deutlich muss einer werden, um vor der Zudringlichkeit derer sicher zu sein, die ihn noch nicht genau genug missverstanden haben? Wer will schon Laufkundschaft zum Feind?

Wurstwirtschaft

Es gibt einmal Vorhersagen, auf die man sich besonders reserviert, um den Moment ihrer Wahrwerdung abzupassen. Nicht eben sehnsüchtig. Aber doch nicht ohne Eifer. Träfen sie nicht ein, änderte das nichts an den Gesetzen der Welt. Die Welt würde auch ohne jene Beispiele fortfahren, sich in erwarteten Bahnen zu bewegen. Aber natürlich wollen wir so viel Fleisch wie möglich durch den Wolf drehen. Nichts ist außerdem besser für den Ruf der eigenen Weltanschauung, als das Eintreffen derjenigen Vorhersagen, die man auf Grundlage derselben getätigt hat. Daher begrüßte ich dieser Tage mit einiger Genugtuung die Schlagzeile:

»Hoeneß nimmt Tönnies in Schutz«.

Das ist sie, die Solidarität der oberen Zehntausend. Das ist Klassenbewusstsein, Erkenntnis: Wenn es um die Wurst geht, dann nicht in Scheiben.

Planet Fegefeuer

Aus der Auswahl der Sätze, die man gegen Köpfe wirft, tut sich dieser durch besonderen Hohlklang hervor:

»Hast Du nichts zu tun?« 

Das ist zunächst einmal nichts weiter als ungeschickt verstecktes Eigenlob: »Ich nämlich«, und nichts anderes lässt der Sprecher stolz im Subtext mitfließen, »ich nämlich habe Wichtiges zu tun, folglich bin ich wichtig«. Folglich findet derjenige noch stets die Zeit, sein Publikum aufzusuchen, um sich demgemäß mitzuteilen.

Doch dem Stolz über die eigene Bedeutsamkeit ist bereits eine Angst untergemengt: Als stünde der Sprecher vor einseitig verspiegeltem Glas, wohinter wiederum ein Macht sitzt, von welcher er sich gedrängt fühlt, in steter Folge den Beweis der eigenen Profitabilität zu erbringen. Ganz so, als machte sich jeder schuldig am Gemeinwesen, der am Ende des Tages Zeit hätte, die ihm dann nur noch zu verschwenden übrig bliebe. Und er fühlt schon mit deutlichem Schauder, dass die Nachfrage nach seinen Fähigkeiten nicht allein von seinem Leistungswillen abhängt.

Doch ächzend unter der Last der Aufgaben, durchsiebt von Stress, geht der Gepeinigte dennoch davon aus, dass das »zu tun Haben« der Ottonormalbetrieb des Menschen ist. Gesegnet die Obrigkeit, welche sich solcher Untertanen sicher wissen kann, die sich gegenseitig befeuern mit Sätzen wie: »Hast du nichts zu tun?« Es gibt welche, die sagen Fegefeuer dazu. Ich möchte mit Frank Wedekind erwidern:

»Welchen Sinn hat das Leben eines Menschen, der keine Zeit hat?«.

Kopfsache

Die FAZ gratuliert sich zu 70 Jahren: »Freiheit beginnt im Kopf«. Sie sagen nicht, zu welchem Dreihundert Euro-Friseur der Kopf geht. Immerhin, die Guillotine teilt qua Wirkweise die Einschätzung der Verleger. Und kostet nichts. Freiheit, Freiheit, Freiheit.

Drei Mal Leidenschaft

Die einen verzehren.
Andere spielen mit dem Essen, bevor sie es verzehren.
Wieder andere spielen mit dem Essen, bevor sie es nicht verzehren.

Umschlag von Qualität in Quantität

Das kleinere Vergnügen ist stets das größere Übel.

Wir sind hier nicht in Vietnam

Oder: Das Scheitern einer rückwärtsgewandten Utopie

Tarantino hat einen Vietnamfilm gedreht, auch wenn Vietnam darin mit keiner Silbe erwähnt wird, was, wie ich finde, sehr wohl dafür spricht, dass Vietnam gemeint ist: Once Upon A Time In Hollywood. Was in dem Film verhandelt wird, ist die Antwort der amerikanischen Zivilgesellschaft auf den Krieg – hier konkret: der Hippiebewegung – und die Folgerichtigkeit des Scheiterns.

Die Antwort der Blumenkinder auf die Frage der Zeit – Vietnam oder: die verlorene moralische Unschuld des selbsternannten Weltsheriffs – war gewaltfreier Protest oder äußersten Falls ein spontaner Ungehorsam, der Reifen zersticht aber nicht bis Vier zählen kann. Letztlich handelte es sich um eine Form des Widerstandes, welcher ausgerechnet um das Verständnis desjenigen wirbt, der Adressat des Protestes ist: Papa Staat. Jede Utopie aber, die dem von Krisen begleiteten Fortschreiten der Gesellschaft mit dem Vorschlag begegnet, einfach das Rad der Zeit zurückzudrehen, wird zwangsläufig scheitern. Rückwärtsgewandt meint hier vor allem: Zurück zur Unschuld – back to nature: Verneinung des technologischen Fortschritts, Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols. Es ist die besinnungslose Rückbesinnung auf das Einzelschicksal, auf einen unschuldigen Naturzustand. Rückwärtsweisend, weil die einfachen und überschaubaren Outlaw-Lösungen der Vergangenheit nicht taugen für eine Gesellschaft, die ihre Kriege auf dem ganzen Globus austrägt und ihre Kultur in jeden Winkel desselben trägt. Die zunehmende Aussichtslosigkeit des Widerstands und die daraus folgende Enttäuschung führt entweder zu bekiffter Resignation oder schließlich Radikalisierung (Manson Family). Man kennt diese Verhaltensweisen von Heranwachsenden.

Der Rückzug der Utopie ist bei Tarantino längst im Gange: Die Spahn Ranch des blinden und vergesslichen Greises, der nichts anderes verkörpert als den alten Geist Amerikas, das Amerika, das mit etwas Unschärfe im Blick noch hoffen konnte, das Gute für sich reklamieren zu dürfen, dient den Hippies als der Hinterwald, die Weltflucht, worin die Utopie allein überleben kann. Der alte Spahn versteht nicht, was die Hippies von ihm wollen und sagt über seine Bettgenossin:

»Sie wird immer pissig, wenn ich einschlafe […] aber sie tut mir nichts, sie liebt mich«  

Die Hippies nämlich lieben die Vergangenheit in ihrer romantisch vorgestellten Reinheit. Bezeichnender Weise wurden auf der Ranch früher – bevor die USA in Vietnam intervenierten – die klassischen US-Western gedreht. Der Held war gut, denn er handelte gut. Mit Vietnam aber hatten die USA vor den Augen der Welt ihre Unschuld verloren. Die alten Helden hatten ausgedient. Sie wurden entweder als Bösewichter recycled (Hollywood) oder spielten nun gebrochene Helden in den Eurowestern, was Tarantino exemplarisch an seinem Heldengespann vorführt: Dabei sind die von DiCaprio und Pitt gespielten Figuren die anschauliche Aufspaltung einer einzigen Person. Sie verkörpern Gehirn und Arm – Idee und Ausführung: Schauspieler Rick Dalton (DiCaprio) und sein Stuntman Cliff Booth (Pitt). Dalton versinnbildlicht Kulturbetrieb und Politik, Cliff Booth, der Mann fürs Grobe, ist die ausführende Gewalt. Beide schreiten Hand in Hand – symbolisch, wie Booth die Antenne auf Daltons Dach richtet – als wollte er den geopolitischen Dominoeffekt in Südostasien verhindern. Überhaupt passt alles ins Bild, nachdem die Schablone einmal darüber liegt:  

Rick Daltons Nachbarin Sharon Tate geht schwanger mit der neuen Zeit, die keinen Geist hat, keinen, der über sich hinausweist. Sozusagen von allen Geistern verlassen. Roman Polanski, am Anfang des Filmes noch an ihrer Seite, ward dann auch nicht mehr gesehen. Tate besucht schließlich eine Vostellunng ihres eigenen Films und amüsiert sich köstlich über den darin statthabenden sinnfreien Slapstick, im selbstgefälligen Einklang mit ihrem Publikum. Sie wird am Ende – und das ist Tarantinos Dreh in der Geschichte – nicht durch die Manson Family umgebracht. Sie verkörpert schon den Geist der neuen Zeit, überlebt also und bringt die nächste Generation hervor, die Vietnam mit einem blendend weißen Lächeln hinter sich zurücklassen wird: Ein vorgezogener Gruß aus den Achtzigern, wo ein ehemaliger Westernschauspieler dann ja auch Präsdient werden durfte. Ein Seitenhieb auf Reagan ist wirklich das einzige, das hier fehlt. Die frühreife achtjährige Schauspielkollegin Daltons als entindividualisierter Effektivitätsjunkie passt dann wieder unter Tarantinos Schablone als Vorschein einer utopielosen Zukunft.  

Die Leuchtreklamen springen vor der großen Finalnacht an: Show Must Go On. Staat (Booth) und Kulturbetrieb (Dalton) räumen mit den Resten der Hippies – mit der Manson Family – auf. Die Utopie wird zu Grabe getragen. Während Booth danach seine neuen Wunden verarzten lässt, öffnet sich am Ende für Rick Dalton wieder das große Tor zum Showgeschäft. Erstaunlich, wie immergrün und überhaupt nicht erschöpft er durch das Tor zu der Villa schreitet, worin Sharon Tate lebt! Tarantino hat sein Jahrhundert auf die Leinwand gebracht und seinen besten Film: Es war einmal in Amerika.

Post Scriptum: Vietnam kommt natürlich auch vor, in Gestalt von Bruce Lee.

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