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Verse und andere Gereimtheiten

Kategorie: Betrachtung (Seite 1 von 4)

Wurstwirtschaft

Es gibt einmal Vorhersagen, auf die man sich besonders reserviert, um den Moment ihrer Wahrwerdung abzupassen. Nicht eben sehnsüchtig. Aber doch nicht ohne Eifer. Träfen sie nicht ein, änderte das nichts an den Gesetzen der Welt. Die Welt würde auch ohne jene Beispiele fortfahren, sich in erwarteten Bahnen zu bewegen. Aber natürlich wollen wir so viel Fleisch wie möglich durch den Wolf drehen. Nichts ist außerdem besser für den Ruf der eigenen Weltanschauung, als das Eintreffen derjenigen Vorhersagen, die man auf Grundlage derselben getätigt hat. Daher begrüßte ich dieser Tage mit einiger Genugtuung die Schlagzeile:

»Hoeneß nimmt Tönnies in Schutz«.

Das ist sie, die Solidarität der oberen Zehntausend. Das ist Klassenbewusstsein, Erkenntnis: Wenn es um die Wurst geht, dann nicht in Scheiben.

Planet Fegefeuer

Aus der Auswahl der Sätze, die man gegen Köpfe wirft, tut sich dieser durch besonderen Hohlklang hervor:

»Hast Du nichts zu tun?« 

Das ist zunächst einmal nichts weiter als ungeschickt verstecktes Eigenlob: »Ich nämlich«, und nichts anderes lässt der Sprecher stolz im Subtext mitfließen, »ich nämlich habe Wichtiges zu tun, folglich bin ich wichtig«. Folglich findet derjenige noch stets die Zeit, sein Publikum aufzusuchen, um sich demgemäß mitzuteilen.

Doch dem Stolz über die eigene Bedeutsamkeit ist bereits eine Angst untergemengt: Als stünde der Sprecher vor einseitig verspiegeltem Glas, wohinter wiederum ein Macht sitzt, von welcher er sich gedrängt fühlt, in steter Folge den Beweis der eigenen Profitabilität zu erbringen. Ganz so, als machte sich jeder schuldig am Gemeinwesen, der am Ende des Tages Zeit hätte, die ihm dann nur noch zu verschwenden übrig bliebe. Und er fühlt schon mit deutlichem Schauder, dass die Nachfrage nach seinen Fähigkeiten nicht allein von seinem Leistungswillen abhängt.

Doch ächzend unter der Last der Aufgaben, durchsiebt von Stress, geht der Gepeinigte dennoch davon aus, dass das »zu tun Haben« der Ottonormalbetrieb des Menschen ist. Gesegnet die Obrigkeit, welche sich solcher Untertanen sicher wissen kann, die sich gegenseitig befeuern mit Sätzen wie: »Hast du nichts zu tun?« Es gibt welche, die sagen Fegefeuer dazu. Ich möchte mit Frank Wedekind erwidern:

»Welchen Sinn hat das Leben eines Menschen, der keine Zeit hat?«.

Kopfsache

Die FAZ gratuliert sich zu 70 Jahren: »Freiheit beginnt im Kopf«. Sie sagen nicht, zu welchem Dreihundert Euro-Friseur der Kopf geht. Immerhin, die Guillotine teilt qua Wirkweise die Einschätzung der Verleger. Und kostet nichts. Freiheit, Freiheit, Freiheit.

Drei Mal Leidenschaft

Die einen verzehren.
Andere spielen mit dem Essen, bevor sie es verzehren.
Wieder andere spielen mit dem Essen, bevor sie es nicht verzehren.

Umschlag von Qualität in Quantität

Das kleinere Vergnügen ist stets das größere Übel.

Wir sind hier nicht in Vietnam

Oder: Das Scheitern einer rückwärtsgewandten Utopie

Tarantino hat einen Vietnamfilm gedreht, auch wenn Vietnam darin mit keiner Silbe erwähnt wird, was, wie ich finde, sehr wohl dafür spricht, dass Vietnam gemeint ist: Once Upon A Time In Hollywood. Was in dem Film verhandelt wird, ist die Antwort der amerikanischen Zivilgesellschaft auf den Krieg – hier konkret: der Hippiebewegung – und die Folgerichtigkeit des Scheiterns.

Die Antwort der Blumenkinder auf die Frage der Zeit – Vietnam oder: die verlorene moralische Unschuld des selbsternannten Weltsheriffs – war gewaltfreier Protest oder äußersten Falls ein spontaner Ungehorsam, der Reifen zersticht aber nicht bis Vier zählen kann. Letztlich handelte es sich um eine Form des Widerstandes, welcher ausgerechnet um das Verständnis desjenigen wirbt, der Adressat des Protestes ist: Papa Staat. Jede Utopie aber, die dem von Krisen begleiteten Fortschreiten der Gesellschaft mit dem Vorschlag begegnet, einfach das Rad der Zeit zurückzudrehen, wird zwangsläufig scheitern. Rückwärtsgewandt meint hier vor allem: Zurück zur Unschuld – back to nature: Verneinung des technologischen Fortschritts, Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols. Es ist die besinnungslose Rückbesinnung auf das Einzelschicksal, auf einen unschuldigen Naturzustand. Rückwärtsweisend, weil die einfachen und überschaubaren Outlaw-Lösungen der Vergangenheit nicht taugen für eine Gesellschaft, die ihre Kriege auf dem ganzen Globus austrägt und ihre Kultur in jeden Winkel desselben trägt. Die zunehmende Aussichtslosigkeit des Widerstands und die daraus folgende Enttäuschung führt entweder zu bekiffter Resignation oder schließlich Radikalisierung (Manson Family). Man kennt diese Verhaltensweisen von Heranwachsenden.

Der Rückzug der Utopie ist bei Tarantino längst im Gange: Die Spahn Ranch des blinden und vergesslichen Greises, der nichts anderes verkörpert als den alten Geist Amerikas, das Amerika, das mit etwas Unschärfe im Blick noch hoffen konnte, das Gute für sich reklamieren zu dürfen, dient den Hippies als der Hinterwald, die Weltflucht, worin die Utopie allein überleben kann. Der alte Spahn versteht nicht, was die Hippies von ihm wollen und sagt über seine Bettgenossin:

»Sie wird immer pissig, wenn ich einschlafe […] aber sie tut mir nichts, sie liebt mich«  

Die Hippies nämlich lieben die Vergangenheit in ihrer romantisch vorgestellten Reinheit. Bezeichnender Weise wurden auf der Ranch früher – bevor die USA in Vietnam intervenierten – die klassischen US-Western gedreht. Der Held war gut, denn er handelte gut. Mit Vietnam aber hatten die USA vor den Augen der Welt ihre Unschuld verloren. Die alten Helden hatten ausgedient. Sie wurden entweder als Bösewichter recycled (Hollywood) oder spielten nun gebrochene Helden in den Eurowestern, was Tarantino exemplarisch an seinem Heldengespann vorführt: Dabei sind die von DiCaprio und Pitt gespielten Figuren die anschauliche Aufspaltung einer einzigen Person. Sie verkörpern Gehirn und Arm – Idee und Ausführung: Schauspieler Rick Dalton (DiCaprio) und sein Stuntman Cliff Booth (Pitt). Dalton versinnbildlicht Kulturbetrieb und Politik, Cliff Booth, der Mann fürs Grobe, ist die ausführende Gewalt. Beide schreiten Hand in Hand – symbolisch, wie Booth die Antenne auf Daltons Dach richtet – als wollte er den geopolitischen Dominoeffekt in Südostasien verhindern. Überhaupt passt alles ins Bild, nachdem die Schablone einmal darüber liegt:  

Rick Daltons Nachbarin Sharon Tate geht schwanger mit der neuen Zeit, die keinen Geist hat, keinen, der über sich hinausweist. Sozusagen von allen Geistern verlassen. Roman Polanski, am Anfang des Filmes noch an ihrer Seite, ward dann auch nicht mehr gesehen. Tate besucht schließlich eine Vostellunng ihres eigenen Films und amüsiert sich köstlich über den darin statthabenden sinnfreien Slapstick, im selbstgefälligen Einklang mit ihrem Publikum. Sie wird am Ende – und das ist Tarantinos Dreh in der Geschichte – nicht durch die Manson Family umgebracht. Sie verkörpert schon den Geist der neuen Zeit, überlebt also und bringt die nächste Generation hervor, die Vietnam mit einem blendend weißen Lächeln hinter sich zurücklassen wird: Ein vorgezogener Gruß aus den Achtzigern, wo ein ehemaliger Westernschauspieler dann ja auch Präsdient werden durfte. Ein Seitenhieb auf Reagan ist wirklich das einzige, das hier fehlt. Die frühreife achtjährige Schauspielkollegin Daltons als entindividualisierter Effektivitätsjunkie passt dann wieder unter Tarantinos Schablone als Vorschein einer utopielosen Zukunft.  

Die Leuchtreklamen springen vor der großen Finalnacht an: Show Must Go On. Staat (Booth) und Kulturbetrieb (Dalton) räumen mit den Resten der Hippies – mit der Manson Family – auf. Die Utopie wird zu Grabe getragen. Während Booth danach seine neuen Wunden verarzten lässt, öffnet sich am Ende für Rick Dalton wieder das große Tor zum Showgeschäft. Erstaunlich, wie immergrün und überhaupt nicht erschöpft er durch das Tor zu der Villa schreitet, worin Sharon Tate lebt! Tarantino hat sein Jahrhundert auf die Leinwand gebracht und seinen besten Film: Es war einmal in Amerika.

Post Scriptum: Vietnam kommt natürlich auch vor, in Gestalt von Bruce Lee.

Das Apokalypse-Bonbon

Die Katastrophe, vermutet die ZEIT, liegt bereits hinter uns:

»Als erste Generation der Menschheitsgeschichte können die jetzt
Lebenden – auch aufgrund ihres immensen Wissens – realistisch damit
rechnen, dass ihr eigenes Ende mit einem Ende oder radikalen Bruch
dieser Geschichte zu tun hat«


Aber noch nicht einmal fünf Minuten vor dem Weltuntergang darf man in der ZEIT den Kapitalismus infrage stellen. Die Lösung für solche Probleme, die nicht sein dürfen, die holt man sich wie immer bei Kant: Wenn jeder für sich nur jeden Tag ein wenig besser würde, dann wäre das bereits ein gewinnbringender Beitrag für uns alle (statt beispielsweise eines gemeinschaftlich organisierten Verzichts, das hieße ja Sozialismus). So pellt sich zuletzt der Subtext heraus: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vielleicht ist das überhaupt der eine Satz, der die ZEIT rundherum erschlägt.

Mitläufer a. D.

Der Spitzel ist im Gegensatz zum Fußballer ein durchaus ehrbarer Beruf und kein Land ist gut beraten, in diesem ernsten Fach so viele mitlaufende Laien der Art zu beschäftigen, wie das seinerzeit die DDR im Spitzensport praktiziert hatte. Was – unter anderem – folgende Privinzposse zeigt, die sich in den letzten Tagen in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden zugetragen hat:

Drei Fußballrentner*, allesamt ehemalige Spieler der SG Dynamo Dresden, schneiden seit geraumer Zeit ihren Rentnerkollegen**. Jener hatte in den Siebzigern und Achtzigern von eben den dreien Informationen privater Natur an die zuständige Dienstbehörde weitergeleitet. Die vier Kollegen sind jüngst, nebst einiger anderer, öffentlich und mit allerlei Bohei durch den Verein ausgezeichnet worden: Oberhalb der Haupttribüne hängen ihre Konterfeis seitdem mitsammen im Stadion – als überlebensgroße Abbildungen – zur Würdigung besonderer Verdienste um den Verein. Plötzlich aber wollen die drei Bespitzelten nicht mehr neben dem Täter hängen und fordern: Er verschwindet aus den Rängen oder wir. Der so Geschmähte nimmt dem Verein die Entscheidung ab und verzichtet.

Dessen ungeachtet erscheint über der Tribüne des Stadions in großen Lettern der Name des Bauwerks: »Rudolf-Harbig-Stadion«. Und daneben: »Hier ist Heimat«. Der »Wunderläufer« (Günter Grass) Rudolf Harbig, dessen Trainer sich und seinen Schützling als glühende Antisemiten lobte, durfte seine größten Erfolge im Nationalsozialismus feiern. Unsere drei Fußballer, die nach dem Schlusspfiff nie einen Gedanken hatten, wert, an befugte Stelle weitergeleitet zu werden, haben sich entschieden: Lieber hängen wir neben einem NSDAP-Mitglied. Denn hier ist Heimat. Da hat man zu wissen, auf welcher Seite mitgelaufen wird.

Man soll nicht ungerecht sein: Fußballer haben es schwer, in den Besitz eines Charakters zu gelangen. Sie beherrschen eine Sache gut, die sie spielerisch und ohne Mühe erlernt haben und zeichnen sich darin früh vor ihren Mitmenschen aus. Zu früher Erfolg aber verdirbt den Charakter.

Sport frei!

*Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer, Dieter Riedel
**Eduard Geyer

Der Unfertige

Er baut gerade sein Wertehaus und die Hintertüren sind noch nicht fertig.

Keine Zeit mehr

Vor ein paar Jahren hatte mein Vater die Szene mit der Uhr aus dem Film Pulp Fiction mit mir nachgespielt. Ich besitze seitdem eine Glashütte-Uhr, die mein Großvater in den Siebzigern nach einem Manöver der Warschauer Pakt-Staaten vom russischen Oberkommando verliehen bekam. Der Russe, der die Widmung in den Gehäuseboden eingraviert hat, war ganz sicher besoffen.

Der ganze Witz mit der Zeit und ihren Kindern ist der, dass es uns die kaputte Uhr leichter macht, unserer Zeit zu entwachsen, fröhliche Waisenkinder, die wir dann sind. Für die Erringung des eigenen Standpunkts ist es sicher von Vorteil, dass es die Zeit ist, die einem abtrünnig wird. Umgekehrt ist es anstrengender. Andererseits: Ich bin der Faulheit überdrüssig.

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