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Verse und andere Gereimtheiten

Kategorie: Betrachtung (Seite 1 von 3)

Wir sind hier nicht in Vietnam

Oder: Das Scheitern einer rückwärtsgewandten Utopie

Tarantino hat einen Vietnamfilm gedreht, auch wenn Vietnam darin mit keiner Silbe erwähnt wird, was, wie ich finde, sehr wohl dafür spricht, dass Vietnam gemeint ist: Once Upon A Time In Hollywood. Was in dem Film verhandelt wird, ist die Antwort der amerikanischen Zivilgesellschaft auf den Krieg – hier konkret: der Hippiebewegung – und die Folgerichtigkeit des Scheiterns.

Die Antwort der Blumenkinder auf die Frage der Zeit – Vietnam oder: die verlorene moralische Unschuld des selbsternannten Weltsheriffs – war gewaltfreier Protest oder äußersten Falls ein spontaner Ungehorsam, der Reifen zersticht aber nicht bis Vier zählen kann. Letztlich handelte es sich um eine Form des Widerstandes, welcher ausgerechnet um das Verständnis desjenigen wirbt, der Adressat des Protestes ist: Papa Staat. Jede Utopie aber, die dem von Krisen begleiteten Fortschreiten der Gesellschaft mit dem Vorschlag begegnet, einfach das Rad der Zeit zurückzudrehen, wird zwangsläufig scheitern. Rückwärtsgewandt meint hier vor allem: Zurück zur Unschuld – back to nature: Verneinung des technologischen Fortschritts, Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols. Es ist die besinnungslose Rückbesinnung auf das Einzelschicksal, auf einen unschuldigen Naturzustand. Rückwärtsweisend, weil die einfachen und überschaubaren Outlaw-Lösungen der Vergangenheit nicht taugen für eine Gesellschaft, die ihre Kriege auf dem ganzen Globus austrägt und ihre Kultur in jeden Winkel desselben trägt. Die zunehmende Aussichtslosigkeit des Widerstands und die daraus folgende Enttäuschung führt entweder zu bekiffter Resignation oder schließlich Radikalisierung (Manson Family). Man kennt diese Verhaltensweisen von Heranwachsenden.

Der Rückzug der Utopie ist bei Tarantino längst im Gange: Die Spahn Ranch des blinden und vergesslichen Greises, der nichts anderes verkörpert als den alten Geist Amerikas, das Amerika, das mit etwas Unschärfe im Blick noch hoffen konnte, das Gute für sich reklamieren zu dürfen, dient den Hippies als der Hinterwald, die Weltflucht, worin die Utopie allein überleben kann. Der alte Spahn versteht nicht, was die Hippies von ihm wollen und sagt über seine Bettgenossin:

»Sie wird immer pissig, wenn ich einschlafe […] aber sie tut mir nichts, sie liebt mich«  

Die Hippies nämlich lieben die Vergangenheit in ihrer romantisch vorgestellten Reinheit. Bezeichnender Weise wurden auf der Ranch früher – bevor die USA in Vietnam intervenierten – die klassischen US-Western gedreht. Der Held war gut, denn er handelte gut. Mit Vietnam aber hatten die USA vor den Augen der Welt ihre Unschuld verloren. Die alten Helden hatten ausgedient. Sie wurden entweder als Bösewichter recycled (Hollywood) oder spielten nun gebrochene Helden in den Eurowestern, was Tarantino exemplarisch an seinem Heldengespann vorführt: Dabei sind die von DiCaprio und Pitt gespielten Figuren die anschauliche Aufspaltung einer einzigen Person. Sie verkörpern Gehirn und Arm – Idee und Ausführung: Schauspieler Rick Dalton (DiCaprio) und sein Stuntman Cliff Booth (Pitt). Dalton versinnbildlicht Kulturbetrieb und Politik, Cliff Booth, der Mann fürs Grobe, ist die ausführende Gewalt. Beide schreiten Hand in Hand – symbolisch, wie Booth die Antenne auf Daltons Dach richtet – als wollte er den geopolitischen Dominoeffekt in Südostasien verhindern. Überhaupt passt alles ins Bild, nachdem die Schablone einmal darüber liegt:  

Rick Daltons Nachbarin Sharon Tate geht schwanger mit der neuen Zeit, die keinen Geist hat, keinen, der über sich hinausweist. Sozusagen von allen Geistern verlassen. Roman Polanski, am Anfang des Filmes noch an ihrer Seite, ward dann auch nicht mehr gesehen. Tate besucht schließlich eine Vostellunng ihres eigenen Films und amüsiert sich köstlich über den darin statthabenden sinnfreien Slapstick, im selbstgefälligen Einklang mit ihrem Publikum. Sie wird am Ende – und das ist Tarantinos Dreh in der Geschichte – nicht durch die Manson Family umgebracht. Sie verkörpert schon den Geist der neuen Zeit, überlebt also und bringt die nächste Generation hervor, die Vietnam mit einem blendend weißen Lächeln hinter sich zurücklassen wird: Ein vorgezogener Gruß aus den Achtzigern, wo ein ehemaliger Westernschauspieler dann ja auch Präsdient werden durfte. Ein Seitenhieb auf Reagan ist wirklich das einzige, das hier fehlt. Die frühreife achtjährige Schauspielkollegin Daltons als entindividualisierter Effektivitätsjunkie passt dann wieder unter Tarantinos Schablone als Vorschein einer utopielosen Zukunft.  

Die Leuchtreklamen springen vor der großen Finalnacht an: Show Must Go On. Staat (Booth) und Kulturbetrieb (Dalton) räumen mit den Resten der Hippies – mit der Manson Family – auf. Die Utopie wird zu Grabe getragen. Während Booth danach seine neuen Wunden verarzten lässt, öffnet sich am Ende für Rick Dalton wieder das große Tor zum Showgeschäft. Erstaunlich, wie immergrün und überhaupt nicht erschöpft er durch das Tor zu der Villa schreitet, worin Sharon Tate lebt! Tarantino hat sein Jahrhundert auf die Leinwand gebracht und seinen besten Film: Es war einmal in Amerika.

Post Scriptum: Vietnam kommt natürlich auch vor, in Gestalt von Bruce Lee.

Das Apokalypse-Bonbon

Die Katastrophe, vermutet die ZEIT, liegt bereits hinter uns:

»Als erste Generation der Menschheitsgeschichte können die jetzt
Lebenden – auch aufgrund ihres immensen Wissens – realistisch damit
rechnen, dass ihr eigenes Ende mit einem Ende oder radikalen Bruch
dieser Geschichte zu tun hat«


Aber noch nicht einmal fünf Minuten vor dem Weltuntergang darf man in der ZEIT den Kapitalismus infrage stellen. Die Lösung für solche Probleme, die nicht sein dürfen, die holt man sich wie immer bei Kant: Wenn jeder für sich nur jeden Tag ein wenig besser würde, dann wäre das bereits ein gewinnbringender Beitrag für uns alle (statt beispielsweise eines gemeinschaftlich organisierten Verzichts, das hieße ja Sozialismus). So pellt sich zuletzt der Subtext heraus: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vielleicht ist das überhaupt der eine Satz, der die ZEIT rundherum erschlägt.

Mitläufer a. D.

Der Spitzel ist im Gegensatz zum Fußballer ein durchaus ehrbarer Beruf und kein Land ist gut beraten, in diesem ernsten Fach so viele mitlaufende Laien der Art zu beschäftigen, wie das seinerzeit die DDR im Spitzensport praktiziert hatte. Was – unter anderem – folgende Privinzposse zeigt, die sich in den letzten Tagen in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden zugetragen hat:

Drei Fußballrentner*, allesamt ehemalige Spieler der SG Dynamo Dresden, schneiden seit geraumer Zeit ihren Rentnerkollegen**. Jener hatte in den Siebzigern und Achtzigern von eben den dreien Informationen privater Natur an die zuständige Dienstbehörde weitergeleitet. Die vier Kollegen sind jüngst, nebst einiger anderer, öffentlich und mit allerlei Bohei durch den Verein ausgezeichnet worden: Oberhalb der Haupttribüne hängen ihre Konterfeis seitdem mitsammen im Stadion – als überlebensgroße Abbildungen – zur Würdigung besonderer Verdienste um den Verein. Plötzlich aber wollen die drei Bespitzelten nicht mehr neben dem Täter hängen und fordern: Er verschwindet aus den Rängen oder wir. Der so Geschmähte nimmt dem Verein die Entscheidung ab und verzichtet.

Dessen ungeachtet erscheint über der Tribüne des Stadions in großen Lettern der Name des Bauwerks: »Rudolf-Harbig-Stadion«. Und daneben: »Hier ist Heimat«. Der »Wunderläufer« (Günter Grass) Rudolf Harbig, dessen Trainer sich und seinen Schützling als glühende Antisemiten lobte, durfte seine größten Erfolge im Nationalsozialismus feiern. Unsere drei Fußballer, die nach dem Schlusspfiff nie einen Gedanken hatten, wert, an befugte Stelle weitergeleitet zu werden, haben sich entschieden: Lieber hängen wir neben einem NSDAP-Mitglied. Denn hier ist Heimat. Da hat man zu wissen, auf welcher Seite mitgelaufen wird.

Man soll nicht ungerecht sein: Fußballer haben es schwer, in den Besitz eines Charakters zu gelangen. Sie beherrschen eine Sache gut, die sie spielerisch und ohne Mühe erlernt haben und zeichnen sich darin früh vor ihren Mitmenschen aus. Zu früher Erfolg aber verdirbt den Charakter.

Sport frei!

*Hans-Jürgen Kreische, Klaus Sammer, Dieter Riedel
**Eduard Geyer

Der Unfertige

Er baut gerade sein Wertehaus und die Hintertüren sind noch nicht fertig.

Keine Zeit mehr

Vor ein paar Jahren hatte mein Vater die Szene mit der Uhr aus dem Film Pulp Fiction mit mir nachgespielt. Ich besitze seitdem eine Glashütte-Uhr, die mein Großvater in den Siebzigern nach einem Manöver der Warschauer Pakt-Staaten vom russischen Oberkommando verliehen bekam. Der Russe, der die Widmung in den Gehäuseboden eingraviert hat, war ganz sicher besoffen.

Der ganze Witz mit der Zeit und ihren Kindern ist der, dass es uns die kaputte Uhr leichter macht, unserer Zeit zu entwachsen, fröhliche Waisenkinder, die wir dann sind. Für die Erringung des eigenen Standpunkts ist es sicher von Vorteil, dass es die Zeit ist, die einem abtrünnig wird. Umgekehrt ist es anstrengender. Andererseits: Ich bin der Faulheit überdrüssig.

Schlüsseldienst

Avengers: Infinity War – Die Chinesen kommen

»Etwas ist faul im Staate Dänemark« lässt Shakespeare den berühmtesten Anti-Helden der Literaturgeschichte sagen. Aber dieses Dänemark riecht verdammt nach Themse. Und dieser Hamlet ist kein anderer als der Graf von Essex, der gegen Elizabeth I. putscht und darüber ganz kopflos wird. Das jedenfalls wissen wir spätestens seit der Lektüre »Shakespeare ohne Geheimnis« von André Müller sen. Da ist ein doppelter, ein gesellschaftlicher Boden eingebaut. Alle großen Dichter verfahren so.

Jedes der shakespearschen Dramen – egal also, ob es in Ägypten spielt oder in Florenz – handelt von Shakespeares London, so wie Voltaire immer wieder nur den Versailler Hof auf die Bühne bringt. Shakespeare arbeitet wie jener mit einem Schlüssel und Müller hat den gefunden. Und den braucht man eben, wo Aufschlussreiches verborgen liegt.

Das Marvel-Universum konnte man bisher nicht der hinreichenden Tiefe verdächtigen, solche Bedeutungen in sich zu bergen. Hier wird nicht Gesellschaft abgebildet, sondern Mode: Soll beispielsweise emanzipiert werden, entstehen farbige oder weibliche Superhelden. Droht eine nukleare Katastrophe, tauchen plötzlich radioaktive Spinnen auf. Dazu zerrt eine halbstarke Dramatik laufend den Gott aus der Maschine hervor wie den Kasper aus der Kiste.

Und auch der größenwahnsinnige Blockbuster »Avengers: Infinity War« knallt gleich herum, dass allen Sinnen der Tinnitus droht. Der Film ist purer Konfettiporno. Eine scheinbar wahllose Aneinanderreihung unzähliger Nummern. Die Nummern jedenfalls sind gut. Die Ästhetik ist akrobatisch und makellos.

Doch durch die Tür, die in der Fassade sitzt, geht es diesmal tiefer rein ins Haus. Auch das Marvel-Universum hält jetzt einen Schlüssel, den man finden kann. Die beiden Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely haben sich die Mühe gemacht und einen doppelten Boden eingezogen: »Avengers: Infinity War« erzählt die Geschichte von Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Oberschurke Thanos, soll das heißen, meint China. Ich vermute, die betreffenden Geheimdienste sind längst an den beiden dran, um zu erfahren, wie es mit der Welt weitergeht.

Adressat der Botschaft einer Hollywood-Produktion kann nur das amerikanische Publikum sein, samt angeschlossenen Nebenrängen. Natürlich wird eine amerikanische Geschichte erzählt. China ist seit längerer Zeit der geopolitische Hauptfeind der USA. Woher sonst soll der Endgegner kommen? Dass Thanos‘ Reich wie das der Mitte ein überbevölkertes ist, ist schon fast zu offensichtlich, um einer Erwähnung wert zu sein.

Dann kriegt Thanos den Greenback-Blues: Gamora, das einzig geliebte Kind, das Einzige überhaupt im Universum, das Thanos liebt, ist wie der Dollar adoptiert und von grüner Farbe. Chinas Aufstieg zur Wirtschaftsmacht begann mit Deng Xiaopings Öffnung Chinas nach außen im Jahre 1978, der Öffnung mithin zum Dollar. Längst hält China den größten Betrag an Währungsreserven in Dollar weltweit. Ein offen ausgetragener Wirtschaftskrieg, wie er inzwischen droht, würde China zwingen, sich auf lange Sicht vom geliebten Dollar zu trennen. Gamora fliegt über die Klippe. China weint. Diese Vorhersage finden wir schon mal bei McFeely und Markus.

Eines aber fällt von Beginn an auf: Wer sich Thanos beugt, dem lässt er Schonung widerfahren – hier spielt also einer nach Regeln und ganz nach den Gesetzen der Diplomatie, wonach gilt, Feindschaften so lange wie möglich zu deckeln und Bündnisse so lange wie möglich zu nutzen, eine Eigenschaft, die sich der chinesischen Außenpolitik ohne Weiteres zuschreiben lässt.

Das Leid der Amerikaner rührt woanders her. Wie China im Wettrennen mit den USA auf allen Gebieten aufholt, einverleibt sich Thanos einen Infinity-Stein nach dem nächsten und bestückt damit den Handschuh bis zuletzt der gelbe Gedankenstein (Vision) in das Ensemble der sechs Steine eingepasst wird: Vision aber ist eine künstliche Intelligenz und nicht wenige glauben, dass der Wettlauf um die Künstliche Intelligenz das Kräftemessen zwischen China und den Vereinigten Staaten entscheiden wird.

Thanos ist der Star. Wenig lässt sich über die »Guten« sagen: Im Vorgänger »The First Avenger: Civil War« zerfiel der Westen in einen europäischen Block (angeführt von Iron Man, New York – für jeden Amerikaner gehört die Ostküste zu Europa) und einen amerikanischen Block (angeführt von Captain America). Die finden sich angesichts des übermächtigen Feindes wieder zusammen, womit wir die nächste Prognose der beiden Autoren zusammenhätten.

Ein guter Freund schenkte nach und wollte ergänzt wissen, dass der Hulk ganz sicher die Russen bedeuten müsse – eine Wundertüte mit Ladehemmung auf die man erstmal nicht zählen darf. Der Hulk wird gleich zu Beginn derb von Thanos verdroschen und kneift in der Folge: Bruce Banner kann das grüne Monster nicht mehr herausbringen. Am Ende stolpert er in einer Rüstung von Iron Man in die Schlacht. Hier ist die nächste Vorhersage: Der Opportunist wartet, bis der Sieger feststeht. Und der Sieger heißt vorerst: China.

Ich denke, ich habe die Fabel jetzt im Groben zusammen. Es gibt noch ein paar Feinheiten, die freundlicherweise ins Bild passen. Wer einmal Verdacht gehegt hat, vor dem lässt sich kaum noch etwas versteckt halten:

Thanos schickt vier Handlanger: Ebony Maw, Cull Obsidian, Claive und Midnight. Die könnten auch Peking, Tianjin, Chongquing und Shanghai heißen. So nämlich lauten die Namen der vier regierungsunmittelbaren Städte, die der Zentralregierung der Volksrepublik China direkt unterstehen.

Bis hierher ist alles nach strengster Wissenschaft vollzogen, weswegen ich mir einmal das Recht herausnehmen möchte zu spekulieren: Ich wünschte, dass Thor der Gorbatschow sei und das untergegangene Asgaard das untergegangene Sowjetreich meint. Ich befürchte allerdings, er ist einfach ein Greenpeace-Krieger.

Ein letztes Argument noch, welches mir, wäre es mir eher eingefallen, die vorgehenden Beweisführungen würde erspart haben: Die Poesie hat immer Recht. Die Flunder ist ein Plattfisch und Bayern liegt nicht an der Nordsee. Und doch wählt die Flunder CSU.

Hat wer die Anschrift von Christopher Markus oder Stephen McFeely? Ich hab einen Schlüssel gefunden und ich glaube, der gehört den beiden.

Integration

Pessimisten geben dir das Gefühl, Teil des Problems zu sein, Optimisten dagegen, Teil der Lösung.

Der schwere Hintern der Unendlichkeit

Peter Hacks meinte einmal in Bezug auf die Vergreisung des Romantischen:

»Hat sich der Teufel die Hörner abgelaufen, bleibt der Pfaffe übrig«

Es gibt das Romantische also in zwei Spielarten: Als Rebellion und als Resignation. Einmal als Auflehnen und einmal als Zurücklehnen. Letztlich scheitern beide Spielarten an der Schwierigkeit, Ideal und Wirklichkeit regsam miteinander zu vermitteln. Die romantische Jugend hat zu viel Gemüt und das romantische Alter ein zu schweres Gesäß.

Rebellion, das ist das Einfordern des Rechts auf unversöhnliche, unvermittelte Ablehnung des Vorhandenen, ohne sich mit den Mühen eines Gegenentwurfs zu belasten. Das ist völlig in Ordnung und schützt die Jugend vor zu früher Resignation und Abgeklärtheit. Altkluge Kinder nerven nur und beenden ihr Leben schnell mit einer Karriere. Die Jugend muss romantisch sein.

Doch was kommt heraus, wenn man das Dagegensein zum Programmatischen erhebt? Wenn man in die Rebellion resigniert? Wenn man es sich beim Auflehnen gemütlich macht? Wenn man einfach nicht erwachsen werden will?

„Und noch viel weiter
In die Unendlichkeit
Einen Schritt weiter
In die Unendlichkeit“

Tocotronic, Die Unendlichkeit, 2018

Der Abrufer

Oder: Die freudlosen Siege des Underdogs

Bescheidenheit kommt viel häufiger anmaßend daher, als man glauben mag: Als Anspruchslosigkeit des Underdogs etwa. Wenn einer nie mehr sein will als das, was er im Moment zu leisten vermag. Er will abrufen. Immerhin: Die Stärke dieser Haltung liegt in der Fähigkeit, ohne Kränkung in die eigenen Grenzen zu resignieren. Mit strebsamer Demut akzeptiert der Underdog die gegebenen Möglichkeiten und besinnt sich, frei von Dünkel, auf die erste Tugend des geringer Begabten, wo der auf ein größeres Potential trifft: das Zerstörungsvermögen. Mit an Unmenschlichkeit grenzender Geduld wartet der Underdog auf den entscheidenden Fehler des Spielgestalters: ähnlich den unermüdlichen Grundlinienfressern auf dem Tenniscourt, die humorlos jeden Ball ins Feld zurückprügeln.

Kein Vorwurf hierin. Der Underdog tut, was nottut, uneitel, wie er ist. Sein Selbstverständnis findet sich durch keine höhere Spielidee gebrochen. Gern begründet er diesen Mangel an Vorstellungskraft mit dem Gebot der Praxis, damit, dass der Sieg allein jederzeit jedes Mittel heiligt. Und solcherart nimmt er stets aufs Neue seinen Platz als ewiger Underdog ein, der sich beharrlich an Achilles Fersen heftet und tapfer auf dessen Momente entspannter Blöße wartet. Das sprichwörtliche »über sich Hinauswachsen« ist nicht mehr als ein »die Gunst der Stunde nutzen«. Der Applaus des versammelten Mittelmaßes ist ihm allerorten sicher, wo er einen Großen zu Fall bringt. Achill verliert immer reizvoll. Der Underdog hingegen gewinnt genauso reizlos wie er verliert.

Sollte ein Underdog einst ohne eigenes Verschulden in die Verlegenheit geraten, daselbst der Topdog zu sein, mithin das Gefühl der Überlegenheit erfahren, weiß er gleich gar nichts mit der Gunst der Stunde anzufangen. Seine Entscheidungshoheit bringt dann nichts Schönes hervor, verkümmert, wie seine Anlagen hierfür sind.

Mit einer eigenen Spielidee zu scheitern ist immer der puritanischen Forderung des Tagesgeschäfts vorzuziehen, worin gebetsmühlenartig das Ausschöpfen der brachliegenden Potentiale angemahnt wird. Für diesen Job stehen stets genügend Notnägel bereit, Männer der Praxis, Männer, angetreten, nackte Ergebnisse einzufahren.

Lieber Absteigen als Abstiegskampf.

Demokratische Öffentlichkeit

Ein Produkt, zu dem es keine Konkurrenz gibt; das kann man beliebig strecken.

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