Sudelseite

Verse und andere Gereimtheiten

Kakophonie (für Emma)

Zu einem Stück von Haydn fanden
Zusammen sich fünf Musikanten.
Einander zugesellt von vorn:
Oboe, Klarinette, Horn
Nebst Flöte und zuletzt Fagott.
So quintisierten sie komplott.

Die Flöte traf den meisten Spaß,
Dass sie darüber ganz vergaß
Mitsamt Kollegen, allen vieren,
Im Einklang noch zu musizieren
Auch fand sie, dass besonders ist,
Wer sich hervortut als Solist.

Durch derlei Eitelkeit gestört,
Verstimmte sich der Rest empört.
Zwar ward noch immer vieles Schöne
Hineingelegt in ihre Töne,
Doch höhlte sich bald immanent
Das klangerfüllte Fundament.

Zuallererst die Klarinette
Die gern der Flöte Freiheit hätte,
Ihr dünkte, sich herauszuheben,
Sich ungebührlich zu beleben,
Wodurch sie sich vergriff im Ton,
Da fiel sie von der Leiter schon.

Sie fiel vornüber rein ins Horn,
Weshalb dasselbe drauf im Zorn
Gleich der Oboe zartes D#
Tritonisch auseinanderriss.
In diesen Schluss hinein im Trott,
Da furzte kläglich das Fagott.

Und die Moral von der Geschicht?
Die kümmert unsre Flöte nicht.

Der Stolz

Stets zeigt er sich, gleich wie genesen,
Als wäre alles nie gewesen.

Umschlag von Qualität in Quantität

Das kleinere Vergnügen ist stets das größere Übel.

Beweislast

Es wogen die Gedanken schwer,
Der Untergrund: ein schwankender.

Wilde Ernte

Im Garten steht ein Apfelbaum
Und da herumgehegt ein Zaun,
Wodurch die Früchte, vielbegehrt,
Dem Zugriff Fremder jäh versperrt.
 
Wie dem auch sei, die Zweige ragen
Insonders, wenn sie Äpfel tragen,
Schräg über jenen Zaun aus Latten
Hinein in einen Weg mit Schatten.
 
Und eben dort war angebracht
Von einem Gärtner wohlbedacht,
Gut sichtbar, an gemäßer Stelle,
Ein Warnschild für den Fall der Fälle:
 
Worauf geächtet wilde Ernte,
Ein Dieb, der eine Frucht entfernte,
Um diese gierig zu vernaschen,
Der ließ sich besser nicht erhaschen.

Hinwiederum gehörte allen
Das Fallobst, das herabgefallen
Und außer der Umfriedung liegt –
Das gönne jeder sich vergnügt.
 
Ein junger Bursche aus Berlin,
Der hatte sich verirrt dahin.
Inmitten eines Tagestraums
Traf ihn ein Apfel jenes Baums.
 
Und im Begriffe mit Entzücken
Zur reifen Frucht sich hinzubücken
Geriet sein Blick auf jenes Schild,
Worauf er sich entflammte wild.
 
Gereizt durch heiliges Verbot
Und stete Sünde längst verroht,
Erklomm er jetzt des Baumes Krone,
Dass höherer Genuss ihn lohne.

Der Gärtner, der den Freveltäter
Verpasste, sah den Raub erst später.
Da jener sich nach wilder Ernte
Gleich wieder nach der Stadt entfernte.

Wir sind hier nicht in Vietnam

Oder: Das Scheitern einer rückwärtsgewandten Utopie

Tarantino hat einen Vietnamfilm gedreht, auch wenn Vietnam darin mit keiner Silbe erwähnt wird, was, wie ich finde, sehr wohl dafür spricht, dass Vietnam gemeint ist: Once Upon A Time In Hollywood. Was in dem Film verhandelt wird, ist die Antwort der amerikanischen Zivilgesellschaft auf den Krieg – hier konkret: der Hippiebewegung – und die Folgerichtigkeit des Scheiterns.

Die Antwort der Blumenkinder auf die Frage der Zeit – Vietnam oder: die verlorene moralische Unschuld des selbsternannten Weltsheriffs – war gewaltfreier Protest oder äußersten Falls ein spontaner Ungehorsam, der Reifen zersticht aber nicht bis Vier zählen kann. Letztlich handelte es sich um eine Form des Widerstandes, welcher ausgerechnet um das Verständnis desjenigen wirbt, der Adressat des Protestes ist: Papa Staat. Jede Utopie aber, die dem von Krisen begleiteten Fortschreiten der Gesellschaft mit dem Vorschlag begegnet, einfach das Rad der Zeit zurückzudrehen, wird zwangsläufig scheitern. Rückwärtsgewandt meint hier vor allem: Zurück zur Unschuld – back to nature: Verneinung des technologischen Fortschritts, Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols. Es ist die besinnungslose Rückbesinnung auf das Einzelschicksal, auf einen unschuldigen Naturzustand. Rückwärtsweisend, weil die einfachen und überschaubaren Outlaw-Lösungen der Vergangenheit nicht taugen für eine Gesellschaft, die ihre Kriege auf dem ganzen Globus austrägt und ihre Kultur in jeden Winkel desselben trägt. Die zunehmende Aussichtslosigkeit des Widerstands und die daraus folgende Enttäuschung führt entweder zu bekiffter Resignation oder schließlich Radikalisierung (Manson Family). Man kennt diese Verhaltensweisen von Heranwachsenden.

Der Rückzug der Utopie ist bei Tarantino längst im Gange: Die Spahn Ranch des blinden und vergesslichen Greises, der nichts anderes verkörpert als den alten Geist Amerikas, das Amerika, das mit etwas Unschärfe im Blick noch hoffen konnte, das Gute für sich reklamieren zu dürfen, dient den Hippies als der Hinterwald, die Weltflucht, worin die Utopie allein überleben kann. Der alte Spahn versteht nicht, was die Hippies von ihm wollen und sagt über seine Bettgenossin:

»Sie wird immer pissig, wenn ich einschlafe […] aber sie tut mir nichts, sie liebt mich«  

Die Hippies nämlich lieben die Vergangenheit in ihrer romantisch vorgestellten Reinheit. Bezeichnender Weise wurden auf der Ranch früher – bevor die USA in Vietnam intervenierten – die klassischen US-Western gedreht. Der Held war gut, denn er handelte gut. Mit Vietnam aber hatten die USA vor den Augen der Welt ihre Unschuld verloren. Die alten Helden hatten ausgedient. Sie wurden entweder als Bösewichter recycled (Hollywood) oder spielten nun gebrochene Helden in den Eurowestern, was Tarantino exemplarisch an seinem Heldengespann vorführt: Dabei sind die von DiCaprio und Pitt gespielten Figuren die anschauliche Aufspaltung einer einzigen Person. Sie verkörpern Gehirn und Arm – Idee und Ausführung: Schauspieler Rick Dalton (DiCaprio) und sein Stuntman Cliff Booth (Pitt). Dalton versinnbildlicht Kulturbetrieb und Politik, Cliff Booth, der Mann fürs Grobe, ist die ausführende Gewalt. Beide schreiten Hand in Hand – symbolisch, wie Booth die Antenne auf Daltons Dach richtet – als wollte er den geopolitischen Dominoeffekt in Südostasien verhindern. Überhaupt passt alles ins Bild, nachdem die Schablone einmal darüber liegt:  

Rick Daltons Nachbarin Sharon Tate geht schwanger mit der neuen Zeit, die keinen Geist hat, keinen, der über sich hinausweist. Sozusagen von allen Geistern verlassen. Roman Polanski, am Anfang des Filmes noch an ihrer Seite, ward dann auch nicht mehr gesehen. Tate besucht schließlich eine Vostellunng ihres eigenen Films und amüsiert sich köstlich über den darin statthabenden sinnfreien Slapstick, im selbstgefälligen Einklang mit ihrem Publikum. Sie wird am Ende – und das ist Tarantinos Dreh in der Geschichte – nicht durch die Manson Family umgebracht. Sie verkörpert schon den Geist der neuen Zeit, überlebt also und bringt die nächste Generation hervor, die Vietnam mit einem blendend weißen Lächeln hinter sich zurücklassen wird: Ein vorgezogener Gruß aus den Achtzigern, wo ein ehemaliger Westernschauspieler dann ja auch Präsdient werden durfte. Ein Seitenhieb auf Reagan ist wirklich das einzige, das hier fehlt. Die frühreife achtjährige Schauspielkollegin Daltons als entindividualisierter Effektivitätsjunkie passt dann wieder unter Tarantinos Schablone als Vorschein einer utopielosen Zukunft.  

Die Leuchtreklamen springen vor der großen Finalnacht an: Show Must Go On. Staat (Booth) und Kulturbetrieb (Dalton) räumen mit den Resten der Hippies – mit der Manson Family – auf. Die Utopie wird zu Grabe getragen. Während Booth danach seine neuen Wunden verarzten lässt, öffnet sich am Ende für Rick Dalton wieder das große Tor zum Showgeschäft. Erstaunlich, wie immergrün und überhaupt nicht erschöpft er durch das Tor zu der Villa schreitet, worin Sharon Tate lebt! Tarantino hat sein Jahrhundert auf die Leinwand gebracht und seinen besten Film: Es war einmal in Amerika.

Post Scriptum: Vietnam kommt natürlich auch vor, in Gestalt von Bruce Lee.

Erato II

Oder: Die Muse als blinder Passagier

Voll der Koffer, bis zum Rand.
Sommer träumt das Förderband.
Keiner ahnt Eratos Schlich
Ins Gepäck. Sie räkelt sich
 
Zwischen Goethe, Hosen, Schnitten,
Drängt sie ihre schicken Formen:
Der geschickt, dass keiner denkt,
Dass da jemand eingezwängt.
 
Denn der Koffer mit Gepäck –
Ist zu klein bald zum Versteck.
Wohl (nicht nur) aus dem Grund: nackt
Hat sie sich hinzugepackt.
 
Nervenkitzel, Monitor –
Ein Beamter schwitzt davor,
Treu zu leisten seine Pflicht.
Doch er sieht den Sprengstoff nicht.
 
Und die Muse, still und leise,
Schickt sich hin auf frohe Reise,
Hat es sich bequem gemacht:
Im Gepäckfach tickt die Fracht.
 
Wer den Koffer im Hotel
Endlich öffnet dann, dem fällt
Alles Leben vom Gesicht.
Kurzum: Schnitten gibt es nicht.

Neues von der modernen Lyrik II

Hand-Blindniet-Setzgerät mit Öffnungsfeder

Arbeitsbereich: für Blindniete
bis 5 mm Ø Alu 4 mm Ø
Edelstahl.

Die Blindnietenzange mit den drei
entscheidenden Vorteilen:

(1) Zwischenhebel: – patentiert –
reduziert Kraftaufwand und be-
wirkt Abrissdämpfung.

(2) Zangenschenkel: Chrom-
Vanadium-Stahl für hohe Lebens-
dauer.

(3) Futterbacken: im Spezial-
verfahren hergestellt – im indu-
striellen Einsatz bewährt.

Das Apokalypse-Bonbon

Die Katastrophe, vermutet die ZEIT, liegt bereits hinter uns:

»Als erste Generation der Menschheitsgeschichte können die jetzt
Lebenden – auch aufgrund ihres immensen Wissens – realistisch damit
rechnen, dass ihr eigenes Ende mit einem Ende oder radikalen Bruch
dieser Geschichte zu tun hat«


Aber noch nicht einmal fünf Minuten vor dem Weltuntergang darf man in der ZEIT den Kapitalismus infrage stellen. Die Lösung für solche Probleme, die nicht sein dürfen, die holt man sich wie immer bei Kant: Wenn jeder für sich nur jeden Tag ein wenig besser würde, dann wäre das bereits ein gewinnbringender Beitrag für uns alle (statt beispielsweise eines gemeinschaftlich organisierten Verzichts, das hieße ja Sozialismus). So pellt sich zuletzt der Subtext heraus: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vielleicht ist das überhaupt der eine Satz, der die ZEIT rundherum erschlägt.

Kalauer des Weltgeists

Einmal überraschte Marx, indem er Engels‘ Geduld bewies.

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