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Verse und andere Gereimtheiten

Erato II

Oder: Die Muse als blinder Passagier

Voll der Koffer, bis zum Rand.
Sommer träumt das Förderband.
Keiner ahnt Eratos Schlich
Ins Gepäck. Sie räkelt sich
 
Zwischen Goethe, Hosen, Schnitten,
Drängt sie ihre schicken Formen:
Der geschickt, dass keiner denkt,
Dass da jemand eingezwängt.
 
Denn der Koffer mit Gepäck –
Ist zu klein bald zum Versteck.
Wohl (nicht nur) aus dem Grund: nackt
Hat sie sich hinzugepackt.
 
Nervenkitzel, Monitor –
Ein Beamter schwitzt davor,
Treu zu leisten seine Pflicht.
Doch er sieht den Sprengstoff nicht.
 
Und die Muse, still und leise,
Schickt sich hin auf frohe Reise,
Hat es sich bequem gemacht:
Im Gepäckfach tickt die Fracht.
 
Wer den Koffer im Hotel
Endlich öffnet dann, dem fällt
Alles Leben vom Gesicht.
Kurzum: Schnitten gibt es nicht.

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Das Apokalypse-Bonbon

Die Katastrophe, vermutet die ZEIT, liegt bereits hinter uns:

»Als erste Generation der Menschheitsgeschichte können die jetzt
Lebenden – auch aufgrund ihres immensen Wissens – realistisch damit
rechnen, dass ihr eigenes Ende mit einem Ende oder radikalen Bruch
dieser Geschichte zu tun hat«


Aber noch nicht einmal fünf Minuten vor dem Weltuntergang darf man in der ZEIT den Kapitalismus infrage stellen. Die Lösung für solche Probleme, die nicht sein dürfen, die holt man sich wie immer bei Kant: Wenn jeder für sich nur jeden Tag ein wenig besser würde, dann wäre das bereits ein gewinnbringender Beitrag für uns alle (statt beispielsweise eines gemeinschaftlich organisierten Verzichts, das hieße ja Sozialismus). So pellt sich zuletzt der Subtext heraus: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vielleicht ist das überhaupt der eine Satz, der die ZEIT rundherum erschlägt.

Kalauer des Weltgeists

Einmal überraschte Marx, indem er Engels‘ Geduld bewies.

Der verlorene Sinn

Am dunklen Ufer sitzt der Sinn,
In eine Hand gestützt das Kinn,
»Wozu das alles und wofür?
Ich bin ja wohl nicht ganz bei mir.«

Und zwischen Wellen branden Klagen:
»Wer hat nach hier mich übertragen?
Geschah dies einzig aus Versehen?
Hier will mich keiner mehr verstehen.

Da drüben war das Leben leicht,
Der Himmel blau, das Wasser seicht.
Ich bin verloren und verflucht,
Weil keine Seele mich hier sucht.«

Erato

Gemacht, Genüsse zu erfahren,
Mag sich die Muse Mühsal sparen.
Sie scheut die Arbeit, scheut die Pflicht.
Was tut sie dann? – Sie räkelt sich!
 
Auf Betten, Kissen, Ottomanen
Lässt sie den holden Abdruck ahnen,
In ihren Launen liederlich,
Wo sie auch liegt: sie räkelt sich.
 
Und steht zum Reißen fest gespannt
Die Leinwand – wo des Meisters Hand
Ansetzt zum letzten Pinselstrich –
Was tut sie! Er verkleckert sich.

Vorauseilende Nachsicht

Tadel nie die Schwächen deines Feindes.

Entmythologisierung

Odysseus‘ ungezählte Fürze.
Hierfür Verständnis fehlte Circe.

Datenklau

Ich bin so oft gedankenlos,
Da suche ich Gedanken
Und finde sie nicht hier
In meinen Datenbanken.
Da liegen sie bei Dir.
Ich bin so oft Gedanken los.

Das Sonett

Das Sonett verhält sich zur Lyrik wie die Karl-Marx-Allee zur Städteplanung.

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