Albern und der Welt ein Ärger,
Dünkt mich, wäre ausgerechnet
Einen Künstler nicht zu hängen,
Bloß weil er nicht schuldig ist.
(Peter Hacks, Mnester)
Unser Urteil über Gegenstände, auf die wir treffen, setzt sich zusammen aus den Urteilen, die andere bereits über sie gefällt haben. Wir scheuen den Aufwand der Bekanntschaft, mühen uns dennoch heran, endlich mopst uns eine Zeile, die uns wieder für lange Zeit Abstand nehmen lässt. Rainer Maria Rilke hat im Angebot: »Du musst das Leben nicht verstehen«.
Schon wird einer im Vorzimmer platziert, ohne vorgelassen zu werden. Zu Unrecht? Der Sinn von Vorauslese liegt darin, dass nicht jeder jede Erfahrung stets als erster machen sollte, dann nämlich hätte der Geist vor lauter Selbstfindungsdruck keine Zeit, sich zu entäußern. Wir werden uns schon aus Zeitgründen auf den Geschmack unserer Gewährsleute verlassen müssen, darauf, dass das kollektive Selbstbewusstsein in permanenter Ausmittlung durch diese bewährten Siebe endlich zu uns dringt. Ich gebe gleich zu: Rilke ist nicht sonderlich gut beleumundet bei meinen Leuten. Aber so, wie man vorm Schlafengehen kontrolliert, ob man den Wecker gestellt hat, schaut man hin und wieder noch einmal nach (wie immer wird man es bereut haben, seinen Leuten nicht getraut zu haben).
Zunächst ist Rilke vorzuwerfen, was jedem Lyriker vorzuwerfen ist, nämlich dass er aufgrund seines Gemüts zum Lyriker herabgedrückt sei. Diese Gattung ist allein durch ihre Subjektivität eine mindere. Weshalb darin wiederum romantische Themen wie Natürliches und Übernatürliches statthaben dürfen oder andere, die stärker über das wahrnehmende Subjekt vermittelt werden als über den Inhalt (hier glänzt Rilke wie kaum ein zweiter, seine Gedichte, will ich sagen, tun keineswegs falsch daran, wenn sie mehr Gemüt enthalten als Welt; der eigentliche, wenngleich edlere, Irrtum läge darin, zu viel Welt ins Gedicht hineinstopfen zu wollen).
Sprachlich ist an Rilke nichts auszusetzen. Das geht nicht besser zu machen, wirkt gediegen, nie strapaziert oder bildlich zu forciert und immer meisterlich in Vers gesetzt:
DER PANTHER
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Aber die Idee einer Welt enthält es endlich doch. Der Panther, das meint nichts anderes als Nietzsches blonde Bestie. Heraufbeschwört sich das dekadent erregte Gefühl zum Imperialismus. Die eingesperrte Natur, deren Kräfte (sagen gleichfalls unsere libertären Nietzscheaner von heute) da freigelassen werden müssen, wo sich in der Welt nichts mehr zum Besseren bewegen lässt; wo Geschichte sich erst wieder frei machen muss, von jeglicher Last nämlich, den Schwachen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Nietzsches Geist bequemt sich als die Hoffnung, dass sich ein Plan zeigen wird, nachdem der Rauch verflogen ist, den man herbeigebombt hat. Das passt zu einer Zeit, in der man die Probleme, die man häuft, den Menschen nicht verzeiht, die sie dann haben. Kinder, für die man keine Kekse hat, nerven. Wer hat heute noch Nerven? Sicher, Bomben hat man.
Ich fürchte, Rilke zählt mit seiner entnervten Überempfindlichkeit zu denen, die sich das Pläne schmieden aufsparen bis zu der Zeit, wo der große Knall alle Bäume entlaubt haben wird, wenn er beispielsweise »Gehorsam gegenüber einem autoritären Diktat« einfordert, das uns Untertanen »einfach aufträgt, unsere Gefühle, unsere Ideen und das gesamte Aufwallen unseres Wesens einer höheren Ordnung zu unterstellen, die uns solchergestalt übermächtigt, dass wir sie nie werden begreifen können«. Das schrieb er 1926 in einem Brief, worin er seine Bewunderung für den Duce ausdrückte. Rilke, steht dort, will die Bestie freilassen.
Warum aber nehmen wir weder Thomas Mann noch George Bernhard Shaw deren wohlmeinende Nietzsche-Rezeption in eben der Weise übel? Ein Pickel ist schließlich ein Pickel. Aber sie haben Glück: Irgendetwas verunmöglicht es ihnen, blind in den Gegenstand reinzulaufen. Nämlich sie haben keine Gedichte geschrieben, sondern Dramen und Romane, durch welche sie qua Gattungseigenschaft zur ganzheitlichen Betrachtung des Gegenstandes gezwungen werden. Und so überwinden sie die Einseitigkeit ihres eigenen Standpunkts in der Totalität des Kunstwerks. Der Pickel guckt sich weg. Das Gedicht schafft diese Totalität nicht, und so bleibt der Geist Rilkes stecken in dieser kleinen Flasche und kommt (zu seinem Glück) selten raus. Und käme er raus, verkümmerte er, wie in seinen Romanen: Du musst das Leben nicht verstehen. Ein Künstler darf im Leben alles sein, ein Arschloch, ein Nazi, vielleicht sogar ein Hippie; die einzigen Maßstäbe, die ihm zu gelten haben, sind die an seiner Kunst. Rilkes Gedichte jedenfalls, sind Kunst.
Wiederum: Eine rückschrittliche Weltanschauung hat noch kein Kunstwerk besser gemacht. Dass Kunst ohne Haltung geht, zeigen Rilke, zeigen andere. Es gibt auch keinen Grund, das nicht zu genießen, was vergiftet ist. Die gesunden Schmutzaufwirbler canceln immer aus den falschen Gründen, sie sehen vor lauter Gift die Schönheit nicht mehr. Doch Schmutz schadet nicht der Anmut des Werks, nur der Würde des Künstlers, manchmal ist er daran nicht ganz unschuldig. Was wir wissen können: Schneewittchen hat nicht lange Freude an der köstlichen Frucht. Die Bestie gehört eingesperrt.