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Verse und andere Gereimtheiten

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Der verlorene Sinn

Am dunklen Ufer sitzt der Sinn,
In eine Hand gestützt das Kinn,
»Wozu das alles und wofür?
Ich bin ja wohl nicht ganz bei mir.«

Und zwischen Wellen branden Klagen:
»Wer hat nach hier mich übertragen?
Geschah dies einzig aus Versehen?
Hier will mich keiner mehr verstehen.

Da drüben war das Leben leicht,
Der Himmel blau, das Wasser seicht.
Ich bin verloren und verflucht,
Weil keine Seele mich hier sucht.«

Erato

Gemacht, Genüsse zu erfahren,
Mag sich die Muse Mühsal sparen.
Sie scheut die Arbeit, scheut die Pflicht.
Was tut sie dann? – Sie räkelt sich!
 
Auf Betten, Kissen, Ottomanen
Lässt sie den holden Abdruck ahnen,
In ihren Launen liederlich,
Wo sie auch liegt: sie räkelt sich.
 
Und steht zum Reißen fest gespannt
Die Leinwand – wo des Meisters Hand
Ansetzt zum letzten Pinselstrich –
Was tut sie! Er verkleckert sich.

Vorauseilende Nachsicht

Tadel nie die Schwächen deines Feindes.

Entmythologisierung

Odysseus‘ ungezählte Fürze.
Hierfür Verständnis fehlte Circe.

Datenklau

Ich bin so oft gedankenlos,
Da suche ich Gedanken
Und finde sie nicht hier
In meinen Datenbanken.
Da liegen sie bei Dir.
Ich bin so oft Gedanken los.

Das Sonett

Das Sonett verhält sich zur Lyrik wie die Karl-Marx-Allee zur Städteplanung.

Februar

Die Spatzen nesteln garstig an den Hecken.
Die Zweige stechen blind durchs kalte Licht.
Die Stirne fährt sich zögernd durchs Gesicht.
Sie hegt Gedanken, die sich noch verstecken.

Zwei Kleider auf der Wäscheleine wecken
Erinnerung. Doch wir vergessen nicht,
Was uns der Winter lehrte an Verzicht,
Dass wir ja noch in einem Mantel stecken.

Ein Igel schleppt sich zitternd vor den Bau
Und schnuppert sich entlang durchs Kieselgrau.
Ein Wind hebt an, der keck an Wolken zupft.

Das ist die Zeit, wo Sonne in uns reift,
Bevor uns Märzens Ungeduld ergreift.
Schon hat ein Fuchs ein junges Huhn gerupft.

Abwärtstrend

Wer den Ast absägt, auf dem er sitzt, der kann auf keinen grünen Zweig kommen.

Kein Leben nach dem Tod

Verscharrt des Dissidenten Trödel,
Samt seinem abgetrennten Dödel.

Der Fluch

Jetzt mit seinem wolkenlosen
Abschiedsbrief in deinen Händen,
Da erblickst du meine Rosen,
Die vor dir im Krug verenden.

Endlich, gar mit bangem Glühen,
Sorgst du dich um meine Kinder,
Gibst, sodass sie wieder blühen,
Wasser in den Krugzylinder.

Doch es will dir nicht gelingen
Alten Glanz empor zu zwingen:
Welkes Kraut soll dich vergüten
Mit Gestank von faulen Blüten.

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