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Verse und andere Gereimtheiten

Kategorie: Szene

Eine deutsche Konversation

Ein Herr tritt vor ein Gebäude, das ein zweiter Herr soeben im Begriff ist zu betreten. Beide begegnen sich unvermittelt. Man kennt sich offensichtlich.

Erster Herr: (bedeutend) Ich habe zugeschlossen.
Zweiter Herr: (den Schlüssel hervorholend, anerkennendes Nicken)
Erster Herr ab.

Der 15. Februar

Bis dass der Tod euch scheidet. Der Geburtstag einer Ehefrau fällt auf den 15. Februar. Jedes Jahr muss ihr Gatte in den Blumenladen und wird dort von allen geächtet, als käme er einen Tag zu spät.

Herrschaftsfreier Diskurs

Spricht der Zwerg zum Riesen: »Mir ist wichtig, dich wissen zu lassen, dass ich im Übrigen nicht vorhabe, dich umzuhauen.« »Da bin ich aber erleichtert«, entgegnete der Riese.

Buddhas Gummibärchen

Schrecklich heimgesucht sind jene, die sich auf eine Reise begeben und ihre Reiselektüre zuhause vergessen haben. Zwischen ihnen und dem geistigen Hungertod steht jetzt noch ein Zeitungskiosk.

Man kann sich dies als Szene in etwa so ausmalen: Ein Mensch, bereit zum Überlebenskampf in der Wildnis Alaskas, vor sich nur noch Wetter, Wald und Wölfe, hat seinen Proviant vergessen; und da steht noch ein letztes Haus am Rande der Zivilisation und darin befindet sich eine Filiale von »Bears and Friends«.

Ausgezehrten Hirns klappt sich der Unglückliche in der Economy Class zusammen. Der Hunger schnappt zu, die Verzweiflung greift zum Bordmagazin.

Darin werden Reiseziele empfohlen, in deren Nähe sich ein Flughafen befindet. Jede Ausgabe schmückt sich dann noch mit einem prominenten Gesicht, das dem Leser Einsichten gewährt. Die Grundidee des Interviews besteht darin, dass Sänger, Schauspieler oder Rennfahrer durch Journalisten ermutigt werden, uns die Welt zu erklären. Das klingt noch schlimmer, nachdem man darüber nachgedacht hat: Einer, der nichts kann, fragt einen, der nichts weiß.*

Der Hunger treibts rein. Wir vernehmen den Schauspieler Richard Gere. Der hält eine nützliche Weisheit für all jene bereit, deren Leben er längst hinter sich lassen durfte:

»Das beste Beispiel hat mir einer meiner buddhistischen Lehrer gegeben: Wenn du meditierst und Lärm hörst, weil jemand an die Wand pocht oder laut spricht, dann denkst du dir spontan: Gott, ich wünschte, der würde endlich aufhören. Er meinte, das sei eine sehr westliche Einstellung. Der wirklich Meditierende denkt sich: Toll, ich spüre die Präsenz eines anderen menschlichen Wesens. Und es geht ihm das Herz auf. Mit dieser Einstellung sollte man leben«.**

Wem hierbei noch spürbar das Herz aufginge, das sind allenfalls die Geheimdienste. Dagegen hätte, wollte doch gemeint sein, jedwede Gesellschaft, welche die Privatssphäre respektierte, stets unseren Beifall verdient.

Aber vielleicht muss man sich nur wie Mr. Gere eine Villa kaufen. Die entscheidende Wohltat einer solchen liegt darin, die Präsenz anderer menschlicher Wesen gen Null zu drücken. Wer wiederum die Präsenz solcher Wesen wie Richard Gere reduzieren möchte, der reise nicht oder – wenn sich das dummerweise nicht vermeiden lässt: der schmiere seinem Hirn genügend Stullen für den Weg.

* Hat wer eine kürzere Definition für ein Interview?
** Zitiert aus dem »Lufthansa magazin« April-Juni 2017.

Gottes Werk

Dort, wo sich der Mensch zum Warten gedrängt findet, sieht er sich – oft mehr als es ihm ziemte – dazu veranlasst, die rechte Fügung der Welt in Zweifel zu ziehen. Dabei sollte er, schicklicheren Erwägungen folgend, besser davon absehen, öffentliche Räume aufzusuchen, deren betriebsgemäßer Zustand der der Überfüllung ist; Orte also, an denen die erschöpfende Versorgung aller mit Gütern des geneigten Bedarfs für ungesichert gelten muss.

Wo Knappheit herrscht ist das Herzeigen von Gesittung Luxus und ganz sicher von Nachteil für denjenigen, der ihn sich leistet. Dies gilt umso mehr, wo der Durstige einen von zahlreichem Volk umlagerten Tresen vorfindet. Gleich der Stürmung einer Festung sieht er mehrere Angriffswellen an die Mauer heranwogen und es ist nicht vorherzusagen, an welcher Stelle der Durchbruch gelingen wird.

Dinge etwa dieser Art gingen dem besorgten weil durstigen Betrachter durch den Kopf, während er sich von den hinteren, vorwärtsdrängenden Reihen langsam in Richtung Tresen schieben ließ in der beständigen Hoffnung, eine Ecke der Theke zu erobern, geeignet, sich mit dem Wirt ins Verständnis zu setzen.

Auf jenen Posten hatte es jedoch bereits eine Dame mit erwiesenen Vorzügen abgesehen, welche in der Folge mit frappierend unweiblicher Grobheit ihr Vorwärtskommen unter Gebrauch beider Ellbogen zu beschleunigen wusste. Endlich kam sie mithilfe wohlplatzierter Ruppigkeiten zwischen Tresen und Betrachter zum Stehen. Der Wirt erfasste ohne Säumnis ihre erwiesenen Vorzüge mitsamt ihrem Bestellwunsch. Der ob dieser Dreistigkeit zunächst in Staunen versetzte Betrachter entschloss sich schließlich, die über alle Maßen zielstrebige Delinquentin mit ein paar Heineversen heiter zu belehren:

»Gott versah uns mit zwei Händen,
Dass wir doppelt Gutes spenden,
Nicht, um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen.«

Da hielt sie längst ihr frisch Gezapftes in Händen und unterbrach den Vortragenden mit dem überschwenglichen Freimut der Siegerin: »Gott versah uns mit zwei Brüsten«. Triumphestrunken floh sie samt Bier die wogende Menge. Die am Tresen entstandene Lücke schloss sich rasch und ließ den so schnöd Hintangestellten nachdenklich zurück.

»Unverschämt«, befand ein späterhin zugesellter Freund, welcher den geschilderten Ereignissen in steigender Erregtheit gefolgt war. »Immerhin hat das Metrum gestimmt« beschwichtigte der Betroffene, der zunehmend über seinem Bier genas, und fügte, auf das inzwischen leere Glas des noch immer fassungslosen Freundes deutend, hinzu: »Bring mir bitte eins mit!«

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