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Verse und andere Gereimtheiten

Kategorie: Gedicht (Seite 1 von 7)

Skandal à la Carte

Man fühlte sich zunächst beinah erschreckt
Und witterte für einen Augenblick Revolte.
Jedoch das Feigenblatt hielt nichts versteckt
Von dem, was hinter Kunst nicht stehen sollte.
Dies wurde mit Erleichterung entdeckt
Von einer Jury, die nichts finden wollte.
Das Ärgernis, ganz nach der Art gediehen,
Bekam für diese Pietät den Preis verliehen.

Der Blickfang

Mein Blick verfehlte knapp sein Ziel,
Drauf er in deinen Ausschnitt fiel,
 
Wo er, in seinem dunklen Drang,
Auf steilem Pfad hinab sich schlang.
 
Auf einmal aber hing er fest,
Da wartet er nun auf den Rest.

Das Interview

Jeder Mensch bedarf des Rates
In Betreff gemeiner Sitten.
Und er leiht sich oft probates
Muster danach aus bei Dritten.
 
Bei berühmten Regisseuren,
Mannequins und Rennpiloten,
Volksvertretern, selbst Friseuren,
Alle überangeboten.
 
Die beschwatzt ein nie verzagter
Mittelsmann: der Journalist.
Weil ein Jemand (ein Gefragter)
Nicht für uns zu sprechen ist.
 
Drollig dreht sich das Gespann
Unentwegt auf dünnem Eis,
Wie der eine, der nichts kann,
Einen fragt, der gar nichts weiß.

Die höchste Eisenbahn

Des Elends Hofpoet
Hat uns ein Bild gemacht
Vom Ende der Geschichte.

Gleichwohl, es wühlt im Wichte,
Wie er im Bahnhof steht,
Ihm dämmert’s mit der Nacht:

Er ist zu spät.

Er kann das Ticket sparen,
Der Zug ist abgefahren.

Die Musik spielt vom Band

Letzter Feind hat jüngst verloren,
Und er räumt für dich den Platz.
Du trittst frei und ungeschoren
Vor die Stufen des Schafotts,

Wo kein Richter jemals künde
Von der Schuld, die dir verwandt.
Wir, für deine beste Sünde,
Lassen dafür eine Hand.

Für ein Glück, das längst verloren,
Geben wir, was du verlangst.
Deine Welt wird neugeboren
Aus den Tiefen unserer Angst.

Besser als nichts

In deine Stirn versenkten sich
Schon früh die Spuren des Verzichts.
Bedauerlich, denn ein gebroch-
nes Herz ist besser als nichts.

Das eine bleibt, das andre nicht,
Es wäre gleich, doch angesichts
Der Welt für sich ist ein gebroch-
nes Herz viel besser als nichts.

Trübe Fischer

Antraf man die Sardinen,
Wo immer sie erschienen,
Mit unbelebten Mienen.
Schon unterschob man ihnen
Der Niedertracht zu dienen.
Dem ich entgegentrete:
Wen solch Verdacht umwehte,
Der ihn erhärten täte,
Der sei, der solches täte,
Blamiert bis auf die Gräte.

Von hinten grinst der Lurch

Keiner je, der ’s nicht bereut hat,
Wenn er sich zu früh gefreut hat.
Wer nicht lernen will, der staune:
Unser Lurch ist guter Laune!

Noch den großen Bonaparte
Hatte er zuletzt genarrt.
Zeigte sich auf seinem Posten,
Grinste bärtig dort von Osten.

Weit geringere Gestalten
Ließen keine Umsicht walten,
Zogen stur ihr Ding noch durch
Als längst grinste unser Lurch.

Schließlich: Er kennt seine Leute,
Ja er wittert leichte Beute
Auch bei dir – man kann’s verstehn –
Hat man ihn schon oft gesehn.

Neues von Erato

Die Muse träumt von edlen Herren,
Ins Dickicht sie hineinzuzerren.
Schon naht ein Prinz. Sie schläft doch nicht?
Wir wissen nur: Sie räkelt sich.
 
Ein Kleid verrät die hellen Hüften.
Doch wer vermag dies Rätsel lüften?
Ein Wind aus Dünen, abendlich,
Hat leichtes Spiel. Sie räkelt sich.
 
Zwei spitze Augen klopfen frech
An eine Wanne, die aus Blech,
Darinnen sie. Sie wird doch nicht
Entsteigen? Nun … sie räkelt sich.
 
Ein Schurke wollte sich empfehlen
Ihr räkelrecht das Herz zu stehlen.
Am Galgen baumelt nun der Wicht.
Sie schaut von fern und räkelt sich.
 
Odysseus, wärst du fort geblieben!
Hast dich am Mast längst aufgerieben.
Nicht nur Gesang verführte dich!
Sie kichert spitz und räkelt sich!
 
Im Südatlantik schwimmt ein Riff
Aus Eis – hindurch ein Kreuzfahrtschiff,
Es kracht im Stahl, der Rumpf zerbricht!
Im Rettungsboot: Sie räkelt sich.
 
Man denkt: So eine Bücherei,
Die sei von eitler Störung frei.
Da flackert schon das Leselicht,
Die Muse rutscht und räkelt sich.
 
Die allgemeine Sittlichkeit
Ist gen Erato nicht gefeit.
Lädt man sie vor ein Strafgericht,
Auf harte Bank. Sie räkelt sich.
 
Entgegen jener Antoinette,
Gezerrt des Nachts aus ihrem Bett,
Entmutigt sie der Kerker nicht,
Die Pritsche quietscht: Sie räkelt sich.
 
Sogar noch unterm Köpfehobel
Herzeigt sie ihre Glieder nobel.
Und wie das Beil herunterbricht,
Was tut sie noch? Sie räkelt sich.
 
EPILOG:
 
Der Weltgeist stopft sich ein paar Essen,
Pafft Schlot um Schlot erinnerlich.
»Was wollte ich noch gleich vergessen«?
Er hustet kurz. Sie räkelt sich.

Kakophonie (für Emma)

Zu einem Stück von Haydn fanden
Zusammen sich fünf Musikanten.
Einander zugesellt von vorn:
Oboe, Klarinette, Horn
Nebst Flöte und zuletzt Fagott.
So quintisierten sie komplott.

Die Flöte traf den meisten Spaß,
Dass sie darüber ganz vergaß
Mitsamt Kollegen, allen vieren,
Im Einklang noch zu musizieren
Auch fand sie, dass besonders ist,
Wer sich hervortut als Solist.

Durch derlei Eitelkeit gestört,
Verstimmte sich der Rest empört.
Zwar ward noch immer vieles Schöne
Hineingelegt in ihre Töne,
Doch höhlte sich bald immanent
Das klangerfüllte Fundament.

Zuallererst die Klarinette
Die gern der Flöte Freiheit hätte,
Ihr dünkte, sich herauszuheben,
Sich ungebührlich zu beleben,
Wodurch sie sich vergriff im Ton,
Da fiel sie von der Leiter schon.

Sie fiel vornüber rein ins Horn,
Weshalb dasselbe drauf im Zorn
Gleich der Oboe zartes D#
Tritonisch auseinanderriss.
In diesen Schluss hinein im Trott,
Da furzte kläglich das Fagott.

Und die Moral von der Geschicht?
Die kümmert unsre Flöte nicht.

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